In den Feuilletons, in Talkshows, auf Parteitagen, aber auch in Diskussionen auf Social Media wird ganz häufig über gesellschaftliche Spaltung oder Polarisierung gesprochen. Was genau ist eigentlich Polarisierung? Und warum sprechen so viele von Polarisierung als Bedrohung?
Ja, Polarisierung ist in aller Munde. Auch in der Wissenschaft erlebt das Konzept viel Aufmerksamkeit. Das liegt sicher an der Beobachtung der internationalen Lage, die wir ja durch die Nachrichtenberichterstattung intensiv verfolgen können – inklusive der Warnungen vor unüberbrückbaren Gräben oder gar Bürgerkrieg: In den USA haben sich die Fronten zwischen Republikanern und Demokraten stark verhärtet, in Israel stehen sich Netanjahu-Anhänger und Kritiker unversöhnlich gegenüber, in Venezuela und vielen anderen Ländern sind Regierung und Opposition extrem verfeindet. Sie diskutieren oder streiten nicht, sie kämpfen gegeneinander. Diese Lagerbildung, also die harte Aufteilung in zwei Meinungsgruppen, wird als Polarisierung bezeichnet. Dabei gibt es zwei Arten von Polarisierung, die ideologische und die affektive Polarisierung. Um mit der ersten Art von Polarisierung anzufangen: Die ideologische Polarisierung bezeichnet die Distanz zwischen den Meinungen, also bspw. den Abstand zwischen linken und rechten Politik-Alternativen. Der kann groß oder klein sein. In Deutschland– und das sieht man ja an den häufigen großen Koalitionen – ist der Abstand bislang recht klein. Die Kontrahenten und Kontrahentinnen von CDU und SPD sind eher auf moderaten Positionen, nahe der Mitte. Nun ist der Abstand dieser Mitte zur AfD schon deutlich größer. Man könnte hier also eine Polarisierung zwischen den Regierungsparteien und der AfD annehmen. Die ideologische Polarisierung ist aber nicht das Hauptproblem. Die Meinungsdifferenzen könnte man theoretisch immer noch überwinden, indem die Lager sich mit ihren Meinungen durch Verständnis und Überzeugung ggf. annähern oder wenigstens Kompromisse finden, von denen beide Seiten profitieren. Natürlich sind Meinungsdifferenzen nicht immer unüberwindbar, da hängt es eben vom Thema ab und davon, ob die Positionen dazu noch im Fluss sind und davon, wie wichtig das Thema für die Lager ist.
Wenn das Thema sehr wichtig ist, wird es ja auch häufig emotional. Gerade im digitalen Raum ist der Ton ja teilweise sehr rau. Es ist viel Hate Speech dabei. Ist das auch eine Facette von Polarisierung?
Polarisierung definiert über den Bezug zu zwei Einheiten, also zwei Meinungslagern oder Gruppen, zwischen denen sich die Distanz über die Zeit vergrößert. Polarisierung ist ein relationales und dynamisches Konzept. Wenn also eine bestimmte Gruppe sehr empört und respektlos schreibt, ist das einer Diskussion vielleicht nicht zuträglich, aber Polarisierung wird es erst, wenn sich das auf eine andere Gruppe bezieht, wenn also eine Gruppe eine andere Gruppe abwertet. So wie bei der ideologischen Polarisierung die Distanz zwischen den Positionen der Gruppen erfasst wird, kann auch die Abwertung einer Outgroup durch eine Ingroup erfasst werden. Die Abwertung zwischen Gruppen wird als affektive Polarisierung bezeichnet. Da geht es weniger um ein Thema als vielmehr um die Identität einer Gruppe. Die Abwertung kann milde oder heftig ausfallen. Bei einer ausgeprägten affektiven Polarisierung stehen sich die Lager unversöhnlich gegenüber. Eine Diskussion ist kaum noch möglich, weil die Gruppen sich so stark ablehnen. Ein Beispiel ist die wechselseitige Abwertung zwischen Grünen-Anhängern und AfD-Anhängerinnen oder migrationsfreundlichen und migrationsfeindlichen Lagern. Da geht es eben nicht mehr um das Aushandeln von Umfang und Bedingungen von Einwanderung, sondern um Feindbilder und feste Urteile. Die relationale Dimension ist hier das Verhältnis zwischen den Lagern, das kann ebenso wie die Distanz zwischen den Positionen auch genau gemessen werden. Neben der relationalen Dimension kommt es auch bei der affektiven Polarisierung auf die dynamische Dimension an. Nur wenn die Veränderung über die Zeit beobachtet wird, wenn die Abneigung also stärker wird, handelt es sich um affektive Polarisierung. Andernfalls handelt es sich einfach um eine statische Zustandsbeschreibung.
Wenn ideologische und affektive Polarisierung zusammenkommen, ist die Überwindung der trennenden Gräben besonders schwierig. Sowohl die inhaltlichen Distanzen als auch die gegenseitige Abneigung zwischen den Meinungslagern werden immer größer. Im Konflikt um die Klimapolitik kann man das gut beobachten. Hier sind die einen für striktere Klimaschutz-Maßnahmen etwa Fridays for Future, die anderen für mildere – etwa Letzte Generation, aber v.a. sehen die einen die anderen als radikal bzw. als naiv an.
Dass Menschen unterschiedliche Meinungen und Interessenslagen haben, ist ja in komplexen Gesellschaften normal. Aber woher kommt die emotionale Ablehnung? Hat das mit den sozialen Medien zu tun?
Tatsächlich wird häufig vermutet, dass die Empörungsbewirtschaftung der sozialen Medien die Diskussionskultur verschlechtert hat. Die Plattformen haben ein finanzielles Interesse, die Nutzer möglichst lange auf ihren Seiten zu halten. Das schaffen sie mit Emotion, Negativismus und Konflikt. Im Grunde gelten hier die gleichen Aufmerksamkeitsmechanismen wie im Journalismus. Entsprechende Inhalte sind also in sozialen Medien überrepräsentiert. Es ist davon auszugehen, dass die Tonlage der Inhalte sich in der affektiven Haltung anderen Gruppen gegenüber niederschlägt. Eine affektive Polarisierung von Vielnutzern über die Zeit erscheint also plausibel.
Übrigens tragen aber auch die journalistischen Medien zur Polarisierung bei. Das betrifft auch die ideologische Polarisierung insofern, als dass Konflikt ein zentrales journalistisches Auswahlkriterium darstellt. Die Berichterstattung ist entsprechend konfliktgesättigt. Das ist auch gut so, wenn es um politische Alternativen geht, da das Publikum sich v.a. über die journalistischen Angebote informiert und auf die umfassende Darstellung von Themen und Positionen angewiesen ist. Journalismus stellt Meinungsunterschiede – und im besten Fall auch die dahinterliegenden Argumente – klar und pointiert dar, zeigt also die Breite des Spektrums auf und ermöglicht so eine informierte Wahlentscheidung.
Dann kann Polarisierung sogar einen positiven Beitrag zum Funktionieren von Demokratien leisten. Unter welchen Bedingungen kann denn Polarisierung gut oder schlecht sein?
Wenn wir auf die politischen Angebote blicken, dann ist ein möglichst breites Spektrum mit klar unterschiedlichen Angeboten gut für die Wähler und Wählerinnen. Pluralismus auf der Angebotsseite ist also eine wünschenswerte Eigenschaft von politischen Systemen. Analog zum medialen Angebot ermöglicht der Pluralismus im Parteiensystem, sich eine Meinung zu bilden bzw. eine Entscheidung zu treffen. Das setzt allerdings voraus, dass es tatsächliche Vielfalt und nicht nur Breite im Angebot gibt. So ist etwa wichtig, dass sich die Breite nicht nur aus den extremen Positionen an den Rändern ergibt, sondern auch moderate Positionen vertreten sind. Neben der Breite des Spektrums, durch die ideologische Polarisierung gemessen, bedarf es also auch einer gewissen Vielfalt von Positionen, wenn informierte Meinungsbildung gefördert werden soll. Die Vielfalt ist also eine Zusatzbedingung für demokratische Meinungsbildung, die in der Polarisierungsforschung bisher nicht berücksichtigt wird. Die journalistische Berichterstattung müsste sowohl die Breite als auch die Vielfalt deutlich machen.
Während ideologische Polarisierung im Falle von zusätzlicher Vielfalt sich also positiv auswirken kann, ist die affektive Polarisierung problematischer. Hier geht es nicht um Meinungsunterschiede in der Sache, die in Diskussionen ggf. überwunden werden können, sondern um eine generelle Ablehnung von anderen Gruppen. Eine kollektive Entscheidungsfindung ist damit erheblich erschwert. Eine Diskussion mit dem Ziel eines Kompromisses ist unmöglich, wenn die Gruppen sich gegenseitig ablehnen. Hier kommt es dann zu einem Stillstand in der Willens- und Entscheidungsfindung des parlamentarischen Systems.
Nützlich für die Demokratie wäre also ein geringes Maß an affektiver Polarisierung bei einem hohem Maß an ideologischer Breite. Dann könnten auch große Meinungsunterschiede respektvoll ausgetragen werden. Im besten Fall könnten Kompromisse entwickelt werden. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass eine große Distanz zwischen zwei Positionen noch keine hinreichende Bedingung für Pluralismus ist. Es müssen möglichst viele unterschiedliche Perspektiven und Meinungen einbezogen werden, wenn für politische Probleme die besten Lösungen gefunden werden sollen. Die Breite des Spektrums muss also durch ein Mindestmaß an Positionen zwischen den Polen dieses Spektrums ergänzt werden. Da die Polarisierungsforschung bislang v.a. die Gefahren von Polarisierung im Blick hatte und erst in neuerer Zeit auch die für die Demokratie nützlichen Aspekte thematisiert werden, hat diese zusätzliche Bedingung noch nicht viel Aufmerksamkeit gefunden. Gerade im Journalismus ist es wünschenswert, neben den Extremen auch die moderaten Positionen hervorzuheben, um zu zeigen, dass Kompromisse möglich sind.
Die journalistische Berichterstattung kann also dazu beitragen, dass große Meinungsdifferenzen nicht per se als Problem wahrgenommen werden. Was können denn Journalistinnen und Journalisten darüber hinaus tun, um das Auseinanderfallen von Gesellschaft zu verhindern?
Wir hatten ja gerade gesagt, dass die ideologische Polarisierung nicht notwendig problematisch für die Demokratie ist. Meinungen können auseinander gehen, aber solange die Diskussion im Gang ist, sind im Zweifel noch Kompromisse möglich. Konflikte im politischen System müssen ausgetragen werden, wenn kollektive Willens- und Entscheidungsfindung stattfinden soll. Auch für die Wähler und Wählerinnen gilt, dass sie Kenntnis über die Positionen der Konfliktparteien haben müssen. Das ist eine wichtige Aufgabe für den Journalismus. Das jeweils ideologische Profil herauszuarbeiten und mit politischen Wettbewerbern zu kontrastieren, hat keinen großen Einfluss darauf, ob eine Gesellschaft auseinanderfällt. Ein Auseinanderfallen von Gesellschaft sehe ich tatsächlich eher als mögliche Folge affektiver Polarisierung. Wenn eine totale Abschottung zwischen Gruppen verhindert werden soll, darf Journalismus die in sozialen Medien übliche Abwertung der jeweils anderen Gruppe nicht verstärken. Vielmehr müssen Journalistinnen und Journalisten Verständnis für die jeweils andere Gruppe erzeugen und damit die Auseinandersetzung in der Sache weiter ermöglichen. Es gibt hier zahlreiche Möglichkeiten, durch Berichterstattung und Kommentierung die affektive Polarisierung abzumildern und den Diskurs auf das Feld der Auseinandersetzung über Meinungsdifferenzen zu schieben.

Prof. Dr. Christiane Eilders ist wissenschaftliche Direktorin des Center for Advanced Internet Studies (CAIS). Gemeinsam mit Prof. Dr. Tim A. Majchrzack verantwortet sie die wissenschaftliche Forschung des Instituts und bildet mit ihm und dem kaufmännischen Geschäftsführer Michael Paul den Vorstand.
Am CAIS forscht sie zu Ursachen und Folgen von Polarisierung in digitalen Medienumgebungen. Ihre Expertise liegt im Bereich Online-Partizipation, Online-Deliberation und öffentliche Meinungsbildung. Zuvor war sie seit 2011 Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Während ihrer beruflichen Laufbahn forschte Christiane Eilders außerdem als Professorin an der Universität Augsburg sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hans-Bredow-Institut in Hamburg und am Wissenschaftszentrum Berlin.
Lebenslauf
- Seit 04/2011 mit W2-Professur für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität (HHU) Düsseldorf
- Von 05/2007 bis 03/2011 W2-Professur für Kommunikationswissenschaft an der Universität Augsburg
- 05/2006 Habilitation an der Freien Universität Berlin (Thema: Strukturen öffentlicher Meinungsbildung in der überregionalen Qualitätspresse)
- 03/2001-09/2002 Habilitationsstipendium der DFG, angesiedelt am Wissenschaftszentrum Berlin, davon Forschungsaufenthalt in San Diego, USA Januar 2002 bis März 2002.
- 01/1996-12/2000 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Abteilung “Öffentlichkeit und soziale Bewegungen”
- 02/1996 Promotion zum Dr. Phil. an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Thema: Zur Rolle von Nachrichtenfaktoren bei der Nutzung und Verarbeitung politischer Information)
- 1990-1995 Promotionsstudium Kommunikationswissenschaft
- 1983-1989 Studium der Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Nebenfächer: Amerikanistik, Markt- und Werbepsychologie)
- Sie ist u.a. Mitglied im Kuratorium der Demokratiestiftung der Universität zu Köln und im wissenschaftlichen Beirat des Forschungszentrum Gesellschaftlicher Zusammenhalt.
- Von 2016 bis 2024 war sie Mitglied im Fachkollegiums Sozialwissenschaften der DFG, von 2019 bis 2025 war sie Sprecherin des Düsseldorfer Instituts für Internet und Demokratie an der HHU, von 2012 bis 2020 war sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung.
- Sie war als Gastwissenschaftlerin u.a. an der Universität Zürich, an der FU Berlin, an der Hacettepe Universität in Ankara, sowie an der University of Southern California in San Diego, USA.