42 Prozent der Befragten in einer WDR-Studie von 2025 geben an, wenig oder kein Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu haben. Gleichzeitig informieren sich junge Menschen zu rund 74 Prozent über Social Media über politische Themen und gehen damit nicht mehr den Weg über das, was von professionellen Medienschaffenden recherchiert und verifiziert wurde. Allerdings machen sie dort einen Unterschied zwischen einer passiven Art, Informationen nebenbei “mitzunehmen“, und einer eher aktiven Nutzung, da viele durchaus Zweifel an den Quellen haben:
In diesem Tagesschau-Artikel geht es um das Thema Medien und Glaubwürdigkeit.
„Die meisten Befragten empfinden es als praktisch, über TikTok-Inhalte passiv ‚auf dem aktuellsten Stand‘ zu sein. Aktiv nutzen wenige junge Menschen TikTok als Informationsquelle für politische Inhalte, da sie die Plattform als ‚nicht vertrauenswürdig‘ oder nicht als seriöse Quelle einschätzen.
‚Für die Wahl habe ich das jetzt nicht genutzt, weil ich da zu viel bearbeiteten Kram und zu viele Memes dazwischen hatte, aber für aktuelle News ist TikTok hervorragend.‘ (männlich, 22 Jahre)“ (#UseTheNews-Studie des Leibniz Instituts für Medienforschung).
„Wo und wie junge Menschen politische Themen wahrnehmen
74 Prozent der jungen Menschen in Deutschland nehmen politische Informationen über Social Media auf. Danach folgen Informationen aus der Schule (60 Prozent) und Familie (58 Prozent) oder Freund:innen (54 Prozent). Klassische Medien oder TV werden dafür nur von 46 Prozent der befragten Menschen genutzt. 38 Prozent folgen gezielt Parteien oder Politiker:innen, während die Mehrheit (60 Prozent) politischen Influencer:innen folgt. Die Hälfte der jungen Nutzer:innen gibt an, politische Inhalte häufig über den algorithmisch selektierten Feed zu sehen.
64 Prozent der jungen Menschen sind der Meinung, dass die Plattformen ein guter Ort sind, um ihre Generation zu erreichen. Etwa die Hälfte von ihnen gibt an, die Kontaktmöglichkeiten auf Social Media zu schätzen (zum Beispiel Fragen stellen, andere Ansichten hören). Allerdings nehmen nur 17 Prozent selbst an Online-Diskussionen teil und nur jede:r Fünfte liked oder kommentiert politische Beiträge.“
Quelle: Bertelsmann Stiftung
Bertelsmann-Podcast „Zukunft gestalten“
Eine gewisse Nachrichtenmüdigkeit ist ebenfalls zu beobachten. In einer Zusammenfassung des Digital News Report 2025 gibt das Mediennetzwerk Bayern an: „Mehr als jeder zehnte Erwachsene mit Internetzugang gibt sogar an, oftmals aktiv die Nachrichten zu umgehen – 59 Prozent tun dies zumindest gelegentlich.“
Die Körber Stiftung schreibt in dieser Meldung über Demokratie in der Vertrauenskrise.
Darüber hinaus schwindet in bestimmten Gruppen das Vertrauen in die Demokratie.
„Zugleich hält fast ein Viertel (24 %) die deutsche Demokratie für nicht funktionsfähig … – der höchste Wert seit Beginn der Erhebung der Frage im Jahr 2016. Ein weiteres knappes Viertel (24 %) äußert Demokratiezweifel. Damit zeigt sich erstmals seit 2016 wieder fast die Hälfte der Befragten skeptisch bis pessimistisch gegenüber der Praxis der deutschen Demokratie. Auch das für die Demokratie wichtige Vertrauen in Institutionen wie Behörden, Gerichte und Universitäten sowie in die Korrektheit von Wahlen in Deutschland sinkt in der Mitte-Studie 2024/25, wenn auch nicht sehr stark.“ (Studie: Die angespannte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25 , herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Franziska Schröter, S. 186)
Wahlergebnisse und Umfragen geben Anlass zur Sorge, dass problematische Einstellungen zu Demokratie zunehmend in die gesellschaftliche Mitte hineinwirken.
Lesen und hören Sie mehr dazu im Grußwort von Martin Rabanus im Rahmen des Fachtagung „Digitale Souveränität und die Verantwortung der Medien“ (Berlin/November 2025) sowie in der Public Value-Studie.
Vor diesem Hintergrund greift das Grimme Lab im aktuellen Wahljahr 2026 das Thema der Demokratiestärkung in einer Beitragsreihe auf. Es wird um verschiedene in der (medialen) Demokratiestärkung genutzte Online-Formate gehen, sei es im Social-Media-Bereich als auch im Games-Sektor. Zusätzlich zu weiterführenden Informationen sind Interviews mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis geplant. Zum Hintergrund sowie zur Motivation des Grimme-Instituts diesen Themenbereich als Jahresthema aufzugreifen, wird Çiğdem Uzunoğlu (Direktorin / Geschäftsführerin des Grimme-Instituts) in einem aktuellen Interview sprechen. (Der Beitrag erscheint in Kürze.)
In einer Zeit, in der die Notwendigkeit, hier gegenzusteuern, deutlich wird und immer weitere Maßnahmen der expliziten Stärkung von Demokratie bzw. demokratischen Grundhaltungen initiiert werden müssen, stellt sich die Frage, wie man Menschen erreicht, die bereits eine gewisse Distanz zu diesen Strukturen aufgebaut haben oder keinen Zusammenhang zwischen der eigenen Person und ihrer Rolle in einem demokratischen gesellschaftlichen Umfeld erkennen können.
In diesem Kontext erscheint es illusorisch, lediglich das vorhandene Informationsangebot mit seinen bislang genutzten Wegen der Verbreitung auszubauen. Stattdessen sollte der Blick auf Methoden und Formate gerichtet werden, die den Anspruch an Aufklärung in völlig andere, nicht formale Settings integrieren, um Zielgruppen in ihrem Alltagsverhalten zu erreichen
„Während in der Gesamtbevölkerung in Deutschland im Jahr 2024 rund 41 Prozent über sechs Stunden in der Woche auf Social Media verbrachten, waren es unter den 18- bis 24-Jährigen sogar 64 Prozent. Facebook ist zwar die beliebteste Social-Media-Plattform der über 50-Jährigen, die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen bevorzugt mit einem Nutzeranteil von 77 Prozent jedoch Instagram.“ (Quelle: Statista)
Über die Hälfte der Bevölkerung nutzt digitale Spiele. Es könnte sich also lohnen, Informationen, Hintergrundwissen und das Plädoyer für demokratische Werte in Formate zu verpacken, die Nutzer ohnehin, allerdings in erster Linie zu Kommunikations- und Unterhaltungszwecken, verwenden, um auf diese Weise zusätzliche Wege der Ansprache zu beschreiten.
Wir beginnen in dieser Beitragsreihe mit digitalen Spielen und ihrem Potential für die Stärkung von Demokratie.
Dabei berücksichtigen wir Aspekte wie:
Die Menschen, die spielen, und die, die man erreichen möchte
Interessant ist ein quantitativer Blick auf die Menschen, die spielen (wie viele, wie oft, welche Altersgruppen), aber auch ein qualitativer (welche Haltungen und Zuschreibungen sind zu erkennen). Auf der anderen Seite sollte man auf die Menschen schauen, die sich von etablierten Informationsflüssen abwenden, über Formate wie digitale Spiele hypothetisch aber erreichbar wären.
Themen in Games
Hierzu zählen unter anderem Teilhabe, Aufklärung, Demokratiestärkung, Erinnerungskultur, Resilienz gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen, Hass und Hetze, Desinformation und Radikalisierung …
Handelnde Personen
Wer macht sich welche Gedanken über den Einsatz von Games? Eine Vielzahl unterschiedlicher Forschungsbereiche befasst sich mit Wirkung und möglicher Wirkung von Digitalen Spielen. Bildungseinrichtungen und NGOs denken über Einsatzmöglichkeiten aus verschiedenen Blickwinkeln nach und politische Institutionen sind auch interessiert an dem Thema und initiieren an der einen oder anderen Stelle entsprechende Angebote. Solche Einrichtungen suchen teils selbst den Kontakt zu Spieleentwicklern.
Formen und Formate
Welche (medialen) Formen und Formate werden zur Demokratiestärkung genutzt? Games, Video-Channel, Podcasts, Social-Media-Kanäle – es gibt zahlreiche bereits bespielte Medienformate, die sich mit politischen Themen auseinandersetzen, aufklären wollen, überzeugen wollen, informieren wollen. Öffentlich-rechtliche Anbieter, private Anbieter, Medienhäuser, Parteien, Bildungseinrichtungen produzieren und bieten Content an: Chance, aber auch Herausforderung für Nutzerinnen und Nutzer.
Strategien
Dass die Nutzung digitaler Spiele sinnvoll sein kann, ist zunehmend unbestritten. Hierbei gibt es aber unterschiedliche Denkanstöße:
- Man adressiert die Gamer, die sich – etwa in der aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung „Spielräume für Demokratie“ – als ohnehin überdurchschnittlich engagiert und aufgeklärt erweisen.
- Man ignoriert das Engagement und die Aufgeschlossenheit von Gamern und bietet ihnen einfach neue Spiele und Spielformate, in denen Inhalte in unterschiedlicher Ausprägung im Mittelpunkt stehen, die einem oder mehreren Teilaspekten von wehrhafter Demokratie zuzuordnen sind. Auch hier gibt es bereits eine spektakuläre Bandbreite von Angeboten – zum Beispiel Shooter, die etwa Kriegsverläufe historisch korrekt und vollständig illustrieren, oder Strategiespiele, die die Wechselwirkung und Konsequenzen von Spielerentscheidungen illustrieren.
- Man entwickelt Spiele, die unter Berücksichtigung der Bedingungen für ein erfolgreiches Spiel entsprechende Themen unmittelbar adressieren.
- Oder man arbeitet an Formaten, die für die Zielgruppe interessant sein könnten, um die man sich sorgt: Menschen, die sich von Nachrichtenjournalismus, politischen Institutionen und Angeboten der Teilhabe abwenden und in ihrem Denken und Handeln von tiefem Misstrauen gegenüber etablierten demokratischen Strukturen und ihren Akteurinnen und Akteuren geleitet werden.
- Zu diesen Überlegungen gehört auch: Welches Format wird wo eingesetzt und angeboten? Sollen Spiele oder Spielelemente in Gruppen eingesetzt werden, um Lern-, Aufklärungs- und Aktivierungsprozesse zu unterstützen? Oder werden Formen und Inhalte für die individuelle Freizeit entworfen, um wichtige demokratische Chancen, Notwendigkeiten und Gefahren im nicht-institutionalisiertem Alltag sichtbar zu machen?
Mithilfe von Interviews mit Expertinnen und Experten werden wir diese Aspekte vorstellen und vertiefen.
Ein Serviceteil wird auch diesmal auf die Projekte, Angebote, wissenschaftliche Auseinandersetzung, herausragende Akteure und Publikationen verweisen.
