Wie die Initiative „Gaming for Democracy“ demokratisches Engagement in der digitalen Spielekultur stärkt
Ein Gastbeitrag von Nandita Wegehaupt,
Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Spielekultur
Demokratien stehen weltweit unter Druck. Autoritäre und populistische Kräfte nutzen globale Krisen, um Desinformation zu streuen, Vertrauen in demokratische Institutionen zu untergraben und gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Gleichzeitig versuchen extremistische Gruppierungen, Gaming-Communitys gezielt für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die demokratischen Potenziale von Gaming und Gaming-Communitys werden hingegen noch immer nicht ausreichend ernst genommen und genutzt.
In Deutschland, dem größten Games-Markt Europas, spielen 6 von 10 der 6- bis 69-Jährigen digital. Das Durchschnittsalter liegt bei 38,3 Jahren und 46% der Spielenden sind weiblich. Viele dieser Menschen finden sich in Online-Communitys zusammen, um sich über ihre Lieblings-Games nebst vieler anderer Themen auszutauschen. Laut der Studie „Spielräume for Demokratie“ der Bertelsmann Stiftung verstehen sich 57 % der Games-Enthusiast*innen in Deutschland als Teil einer oder mehrerer Gaming-Communitys. Rund die Hälfte aller Games-Enthusiast*innen in Deutschland hat sich in der Vergangenheit außerdem politisch engagiert und liegt damit über dem gesellschaftlichen Gesamtdurchschnitt von 39%. Rund Zweidrittel der Games-Enthusiast*innen stimmen der Aussage zu, dass die Demokratie in Deutschland grundsätzlich funktioniert – im Vergleich zu nur 55% der Gesamtbevölkerung. Wer Demokratie und Rechtstaatlichkeit fördern will, kommt am Medium Games allein aus Gründen der gesellschaftlichen Relevanz und Reichweite also nicht vorbei.
Aus diesem Grund haben die Bertelsmann Stiftung, die Stiftung Digitale Spielekultur, die Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) und die Bundeszentrale für politische Bildung mit „Gaming for Democracy“ eine Initiative ins Leben gerufen, die demokratisches Engagement in und mit Games stärkt. Als Hub und Inkubator bringt die Initiative Akteur*innen aus dem Games-Ökosystem, der Zivilgesellschaft, Bildung und Wissenschaft zusammen, um gemeinsame Ideen und Kooperationen zu entwickeln, die demokratische Kräfte in Gaming-Communitys unterstützen und die Potenziale von Games für Demokratiebildung und gesellschaftliches Engagement nutzbar machen. Arbeitsgruppen, Jahrestagungen und Publikationen werden dieses Wissen zugänglich machen; eigene Praxisprojekte erproben die erarbeiteten Ansätze und liefern auswertbare Ergebnisse.
Mit dem „Community Support Network“ hat die Stiftung Digitale Spielekultur unter dem Dach von „Gaming for Democracy“ bereits ein solches Praxisprojekt angesiedelt. Es baut auf vorhandenen Stärken von digitaler Spielekultur auf – in diesem Fall den zahlreichen Menschen, die sich ehrenamtlich in der Online-Betreuung von Gaming-Communitys engagieren. Diese Menschen gestalten Räume, moderieren Austausch, lösen Konflikte und ermöglichen Beteiligung; kurz gesagt: Sie leben und gewährleisten demokratische Praxis im Netz. Mit dem durch das Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ geförderten Projekt unterstützt die Stiftung Digitale Spielekultur sowohl ehrenamtlich als auch hauptberuflich tätige Community-Moderator*innen und -Manager*innen mit kostenfreien Workshop-, Self-Learning- und Vernetzungsangeboten. Denn um Gaming-Communitys als resiliente und faire Gemeinschaften zu stärken, müssen wir die Menschen unterstützen, die sich bereits täglich für diese Werte einsetzen. Dass solches Engagement breite Unterstützung unter Gamer*innen finden kann, hat auch das Speedrun-Event „Games Done Quick“ auf der gamescom 2026 gezeigt, in dessen Rahmen an einem Wochenende über 18.000 Euro für „Gaming for Democracy“ gespendet wurden.
Sie haben Lust bekommen, sich mehr Gedanken über Demokratieförderung und Gaming zu machen, und würden dazu gerne mit Gleichgesinnten in den Austausch kommen? Dann merken Sie sich den 1. und 2. Dezember 2026 vor. An den beiden Tagen lädt die Initiative „Gaming for Democracy“ zu ihrer ersten Jahreskonferenz auf den Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung in Heilbronn ein.
Die Konferenz bringt Menschen aus dem Games-Ökosystem, der Zivilgesellschaft, Bildung und Wissenschaft zusammen, die in dieser Zusammensetzung bislang nur selten miteinander ins Gespräch kommen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Games und Gaming-Communitys zu demokratischer Teilhabe, Engagement und gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen können. Impulse und Panels mit Olaf Zimmermann (Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats), Prof. Dr. Johanna Pirker (Professorin für Informatik, Technische Universität München), Jörg Friedrich (Co-Gründer des preisgekrönten Entwicklerstudios Paintbucket Games) und vielen weiteren Fachleuten eröffnen fundierte Perspektiven auf das Thema. Deep-Dive-Workshops ermöglichen Einblicke in Best Practices der Demokratiebildung mit Games, des Engagements in Gaming-Communitys und der gesellschaftlich relevanten Spielentwicklung. Wer einzelne Ansätze nach der Konferenz vertiefen möchte, kann sich in den folgenden Monaten an den organisationsübergreifenden Arbeitsgruppen der Initiative beteiligen.
Die Teilnahme an der Jahreskonferenz ist kostenfrei, für Verpflegung ist gesorgt. Interessierte Personen können sich noch bis zum 27. November für die Teilnahme anmelden. Alle weiteren Informationen zur Initiative „Gaming for Democracy“ unter www.gamingfordemocracy.de.

Als Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Spielekultur widmet sich Nandita Wegehaupt dem Potenzial von Games für Bildung und demokratische Teilhabe. Sie blickt auf zwei Jahrzehnte Erfahrung in der deutschen Zivilgesellschaft und im philanthropischen Bereich zurück, wobei ihr Schwerpunkt auf Chancengleichheit und sektorübergreifender Zusammenarbeit liegt. Zuvor war sie als Bereichsleiterin für Partnerschaften und Strategie bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft tätig, wo sie das Stipendienprogramm „Studienkompass“ für junge Menschen aus nicht-akademischen Familien mitaufgebaut hat. Sie ist Vorstandsmitglied von „querstadtein“, einem Sozialunternehmen, das Stadtführungen unter der Leitung von ehemals obdachlosen Menschen und Geflüchteten anbietet.